Veröffentlicht: 2026-09-22
Autor: Jule | Seoholics
Lesezeit: 4 min

Was ist passiert?

Interne Dokumente aus dem Rechtsstreit zwischen der New York Times, OpenAI und Microsoft belegen, dass die KI-Unternehmen den substitutiven Charakter ihrer Produkte kannten. Führungskräfte bezeichneten ihre Tools intern als existenzielle Bedrohung für Publisher. Besonders kritisch: Es gibt Hinweise auf die gezielte Umgehung von Paywalls, was die bisherige „Fair Use“-Verteidigung der Tech-Giganten rechtlich massiv schwächt.

Was zu tun ist
  1. Inventur der Content-Exponiertheit
  2. Überprüfung der Paywall- und Robots-Konfiguration
  3. Strategische Lizenz-Readiness

Die Fakten

  • Substitutions-Anerkennung: Nick Turley (OpenAI) räumte intern ein, dass KI-Produkte für Publisher weitgehend substitutiv wirken und diese Funktion mit steigender Qualität zunehmen wird.
  • Traffic-Einbrüche: Microsoft verzeichnete bei der Nutzung von Copilot im Vergleich zur klassischen Bing-Suche einen Rückgang der Klickraten (CTR) für die Domains der New York Times und Daily News um 83 bis 93 Prozent.
  • Paywall-Umgehung: Die Dokumente deuten darauf hin, dass Paywalls bewusst umgangen wurden, was einen potenziellen Verstoß gegen den Digital Millennium Copyright Act von 1998 darstellt.
  • Marktwert-Beweis: Da OpenAI, Microsoft, Amazon, Google, Meta, Perplexity und Mistral bereits Lizenzverträge mit Publishern geschlossen haben, ist ein kommerzieller Marktwert für Trainingsdaten belegt.
  • Strategisches Ziel: CEO Satya Nadella bestätigte, dass Chatbots Informationen direkt auf der KI-Plattform liefern, sodass Nutzer die zugrunde liegende Quelle nicht mehr besuchen müssen.

Was bedeutet das für Dich?

Diese Entwicklung betrifft primär Entscheider in redaktionsgetriebenen Medienhäusern und Content-Plattformen, deren Geschäftsmodell auf Traffic-Monetarisierung oder Paywalls basiert. Für reine Service-Unternehmen oder E-Commerce-Seiten ohne tiefgehende journalistische Inhalte ist die unmittelbare rechtliche Tragweite geringer, da hier die „Substituierbarkeit“ von Faktenwissen weniger im Fokus steht.

  1. Inventur der Content-Exponiertheit: Prüfen Sie, welche Ihrer Kerninhalte durch KI-Antworten vollständig ersetzt werden können, ohne dass ein Klick auf Ihre Seite nötig ist. Ein Erfolg zeigt sich hier durch eine präzise Liste von „gefährdeten“ Themenclustern, die bereits jetzt hohe Traffic-Verluste aufweisen. Der Aufwand ist gering und innerhalb einer Woche erledigbar.
  2. Überprüfung der Paywall- und Robots-Konfiguration: Analysieren Sie, ob Ihre technischen Hürden gegen KI-Crawler tatsächlich greifen oder ob Ihre Inhalte trotz Sperren in KI-Antworten auftauchen. Ein Erfolg ist erreicht, wenn Sie die Diskrepanz zwischen theoretischer Sperre und tatsächlicher Sichtbarkeit in der generativen Suche kennen. Dieser Prozess ist mittelfristig innerhalb dieses Quartals umzusetzen und erfordert technische Unterstützung.
  3. Strategische Lizenz-Readiness: Entwickeln Sie ein Bewertungsmodell für Ihren Content, falls KI-Unternehmen zur Zahlung gezwungen werden. Sie erkennen die Wirkung daran, dass Sie eine Preisliste für die Nutzung Ihrer Daten für LLM-Training vorliegen haben, sobald rechtliche Präzedenzfälle fallen. Dies ist ein strategisches Projekt für dieses Jahr mit mittlerem Aufwand.

Für große Medienhäuser

Hier steht die kollektive Verhandlung im Vordergrund. Priorisieren Sie den Zuschluss zu Allianzen, um gegenüber den KI-Giganten eine stärkere Verhandlungsposition für nutzungsbasierte Lizenzmodelle zu erreichen.

Für Nischen-Publisher

Konzentrieren Sie sich auf die Erhöhung der Nutzerbindung durch Formate, die nicht substitutiv sind, wie etwa exklusive Community-Interaktionen oder personalisierte Beratung, die eine KI nicht ohne Zugriff auf geschlossene Daten leisten kann.

Wer jetzt nichts unternimmt, riskiert, in einer Welt, in der Klickraten um bis zu 93 Prozent sinken können, ohne finanzielle Kompensation oder strategische Alternative für den Traffic-Verlust dazustehen.

Experten-Meinung

Rechtsexperten bewerten die neuen Dokumente als potenziell verheerend für die Verteidigungsstrategie von OpenAI und Microsoft. Insbesondere die Aussage, die Produkte seien „largely substitutive“, untergrabe den Kern des Fair-Use-Prinzips. Alan Chapell betont, dass die bewusste Umgehung von Paywalls die Angelegenheit aus der Grauzone in den Bereich des „eindeutig Gestohlenen“ verschiebe. Während einige Juristen anmerken, dass Gerichte KI-Training weiterhin als „transformative Nutzung“ werten könnten, verschafft die Beweislage der New York Times eine massive Hebelwirkung für zukünftige Verhandlungen und Klagen.

Daten und Zahlen

Die drastischste Kennzahl ist der Rückgang der Klickraten (CTR) bei Microsoft: Zwischen 83 und 93 Prozent weniger Klicks für die New York Times und Daily News, wenn Nutzer Copilot statt der Bing-Suche verwenden. Dies quantifiziert die „Substitutions-Gefahr“ präzise. Rechtlich relevant ist zudem der Verweis auf den Digital Millennium Copyright Act aus dem Jahr 1998, dessen Verletzung durch Paywall-Umgehungen nun im Raum steht. Diese Zahlen verdeutlichen, dass es nicht um marginale Schwankungen, sondern um einen fundamentalen Bruch in der Nutzerführung geht.

Rückgang der Klickraten

Vergleich Copilot vs. Bing-Suche

New York Times
83 %
Daily News
93 %

Ausblick

Der Fall wird ein „Slow Burn“, also ein langwieriger Prozess, aber er setzt den Präzedenzfall für alle zukünftigen Trainings-Klagen gegen Google, Meta oder Anthropic. Sollte die New York Times gewinnen, wird dies den Markt für bezahlte Lizenzen forcieren. Publisher werden dann kollektiv verhandeln, wobei nutzungsbasierte Vergütungsmodelle wahrscheinlich werden. Die rechtliche Gewissheit wird entscheiden, ob KI-Firmen an den Verhandlungstisch zurückkehren müssen, um den Zugriff auf hochwertige Trainingsdaten dauerhaft zu sichern.

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