Veröffentlicht: 2026-10-20
Autor: Marcel Christen | Seoholics
Lesezeit: 4 min
Das Tech-Magazin The Verge stellt seine gesamte Strategie zur Nutzergewinnung um. Das Unternehmen reduziert die Abhängigkeit von Suchmaschinen und setzt stattdessen auf direkte Leserbindungen. Damit reagiert der Publisher auf ein verändertes Suchumfeld und den Einfluss von Künstlicher Intelligenz.
Die Fakten
The Verge hat sein Audience-Team, also die Abteilung für Publikumsentwicklung, grundlegend reorganisiert. Weg von Generalisten, hin zu Spezialisten in Bereichen wie Newslettern und Analysen. Ziel ist es, Gelegenheitsbesucher in loyale Stammleser zu verwandeln.
Die Strategie basiert auf fünf Kernpunkten:
- Spezialisierung: Es gibt dedizierte Experten für Plattform-Engagement, Newsletter und Community-Management.
- Nutzer-Segmentierung: Die Strategie unterscheidet strikt zwischen anonymen Besuchern, registrierten Nutzern und zahlenden Abonnenten.
- Direkte Bindung: Die Homepage und Newsletter dienen als Anker, um die Abhängigkeit von Referral-Traffic, also dem Verkehr über fremde Seiten, zu senken.
- Neue Messwerte: Anstatt nur Page-Views, also Seitenaufrufe, zu zählen, hat jedes Teammitglied eigene Wachstumsziele.
- Diversifizierung: Das Magazin nutzt Paid Media, Performance Marketing und gezielte Pitches an größere Medienhäuser.
Was bedeutet das für Dich?
Diese Entwicklung betrifft alle Betreiber von inhaltsgetriebenen Websites und Onlineshops. Sie betrifft ausdrücklich nicht jene, die ihr gesamtes Geschäft über geschlossene Marktplätze oder reine App-Ökosysteme abwickeln. Wenn Ihr Erfolg zu einem großen Teil von Google-Klicks abhängt, ist Ihr Geschäftsmodell derzeit riskant.
Für kleine Websites
- Einführung eines Newsletters: Erstellen Sie ein einfaches Anmeldeformular für einen E-Mail-Verteiler. Sie erkennen den Erfolg an einer steigenden Anzahl an E-Mail-Adressen in Ihrer Datenbank. Der Aufwand ist gering, da einfache Plugins oder externe Tools ausreichen.
- Fokus auf Stammbesucher: Optimieren Sie Ihre Startseite so, dass sie einen klaren Mehrwert für wiederkehrende Nutzer bietet. Erfolg zeigt sich in der Search Console über die Rate der wiederkehrenden Nutzer. Der Aufwand ist moderat und erfordert eine Anpassung der Layout-Struktur.
- Interaktive Elemente: Implementieren Sie einfache Funktionen wie Kommentare oder Umfragen. Sie sehen die Wirkung an einer höheren Verweildauer auf der Seite. Der Aufwand ist gering bis mittel.
Für Onlineshops
- Aufbau eines registrierten Nutzerbereichs: Bieten Sie Anreize für eine Registrierung, wie personalisierte Feeds oder exklusive Angebote. Sie messen den Erfolg an der Quote der registrierten Nutzer im Vergleich zu anonymen Besuchern. Der Aufwand ist hoch, da dies technische Anpassungen im Shop-System erfordert.
- Segmentierung des Marketings: Teilen Sie Ihre Kommunikation in Phasen ein. Nutzen Sie E-Mails, um Nutzer vom ersten Kontakt zum ersten Kauf und dann zum treuen Kunden zu führen. Das wirkt, wenn die Conversion-Rate, also die Quote der Käufe pro Besucher, innerhalb der registrierten Gruppe steigt. Der Aufwand ist mittel bis hoch.
- Nutzung von Performance Marketing: Schalten Sie gezielte Anzeigen, um hochwertige Zielgruppen direkt auf Ihre Landingpages zu ziehen. Erfolg ist hier am ROI, also dem Verhältnis von Kosten zu Gewinn, erkennbar. Der Aufwand ist finanziell hoch und erfordert eine kontinuierliche Überwachung.
Wer diese Schritte ignoriert, bleibt vollständig von den Algorithmen der Suchmaschinen abhängig. Ein plötzliches Update kann dann zu einem massiven Einbruch der Besucherzahlen führen.
Experten-Meinung
Die Umstellung von Reichweite auf Bindung ist eine notwendige Reaktion auf die „Zero-Click-Ära“. In dieser Phase liefert die Suchmaschine die Antwort direkt aus, ohne dass der Nutzer die Website besucht. Melissa Chowning, CEO von Twenty-First Digital, betont, dass die Ziele sich geändert haben. Früher zählten reine Seitenaufrufe. Jetzt geht es darum, eine direkte Beziehung zum Publisher aufzubauen. Dies erfordert tieferes Fachwissen in jedem Kanal und jeder Stufe des Marketing-Funnels. Der Funnel ist der Weg eines Nutzers vom ersten Kontakt bis zum Kauf oder Abonnement.
Daten und Zahlen
The Verge hat im Dezember 2024 eine dynamische Paywall eingeführt. Eine Paywall ist eine technische Barriere, die den Zugriff auf Inhalte erst nach Zahlung oder Registrierung freigibt. Das Modell scheint zu greifen. Mehr als die Hälfte der Abonnenten gelangen direkt auf die Anmeldeseite für Abonnements. Dieser Anteil schwankt jedoch von Monat zu Monat. Konkrete Zahlen zu den Gesamtabonnenten oder den generierten Umsätzen hält das Unternehmen geheim. Auch die genaue Größe des erweiterten Audience-Teams wurde nicht beziffert.
Ausblick
Die Abhängigkeit von Suchmaschinen wird weiter sinken. Publisher werden verstärkt in eigene Plattformen investieren. Wir werden mehr Paywalls und Registrierungshürden sehen. Das Ziel ist die Maximierung des Nutzerwerts. Wer seine Nutzer heute nicht in eine eigene Datenbank überführt, verliert morgen die Kontrolle über seinen Traffic. Die Integration von KI-gesteuerten, personalisierten Feeds wird der nächste große Schritt sein.